Wehrmachts-Spind

Bei ebay-Kleinanzeigen entdeckte ich einen alten Wehrmachts-Spind, der augenscheinlich mindestens einmal neu angestrichen wurde. Der Spind sollte 80,-EUR, und da ich selbst noch als aktiver Reservist tätig bin und meine "Klamotten" sonst immer vom Dachboden fischen musste, konnte ich ihn sowohl als ästhetisch und historisch wertvolles Stilmöbel sowie zum Ordnen und Aufbewahren meiner Ausrüstung gut gebrauchen. Das größte Problem war meine Frau, die ums Verrecken nicht gestatten wollte, so einem Klotz in unserem Haus Obdach zu gewähren. Da nicht damit zu rechen war, dass ein originaler Wehrmachts-Spind für einen zweistelligen Betrag lange auf einen Käufer warten würde, gab ich am Telefon unerlaubter Weise die Kaufzusage, lieh mir den Wagen meiner Frau und brachte das gute Stück heim.

Wenn man schon einmal einen modernen Kleiderschrank aus einem Möbelhaus im zusammen gebauten Zustand in ein Fahrzeug ein- und wieder ausgeladen hat, weiß wie instabil so ein Pressholzteil ist. Die Haptik dieses Schrankes war ganz anders. Solide gebaut, eine perfekte Tischlerarbeit. Hergestellt war der Spind 1937 von der Möbelfabrik Gustav Kopka aus Herford. Die Möbeltischlerei wurde 1861 gegründet und galt als der Erfinder der modernen Möbelfertigung. Auf der Rückseite des Spindes fanden sich Brandstempel des Herstellers sowie der Wehrmacht.

 

Was jetzt in nur einem Bild zusammen gefasst wird, war eine Mordsplackerei von mehreren Tagen. Immer im Wechsel von Abbeizer und Heißluftföhn habe ich vier Farbschichten abgetragen. Auf der zweiten Fahrbschicht (von unten) habe ich sogar einen mit schwarzer Farbe aufgetragenen britischen Dienstgrad Staff Sergeant und Namen (unleserlich) freigelegt. Offensichtlich wurde der Spind nach Kriegsende von britischen Besatzungstruppen in Lüneburg weiter genutzt.

Das ist das Ergebnis nach der Farbentfernung. Der Gestank der alten, erhitzen Farbe wird irgendwann unerträglich. Der Vorteil: meine Frau, die durchaus ein Gespür für alte Gegenstände mit Geschichte hat, fand den Spind so gut, dass sie mir zumindest in Aussicht stellte, ihn oben in der Loggia, also außerhalb des Wohn-und Nutzfläche unseres Hauses, aber zumindest unter dem Dach desselben nicht zu erlauben, aber zumindest zu dulden.

Ein paar Kleinigkeiten habe ich repariert und dem Spind wieder die richtige Anzahl an Fächern verliehen. Am meistens freue ich mich über mein selbst gestaltetes, privates Wertfach, dass sie abgeschlossen lässt. Beschläge/ Schließe und das alte Vorhängeschloss habe ich auf dem Flohmarkt gefunden. Die Teile sind zeitgenössisch.

Danach habe ich den Spind von innen und außen mit Leinölfirnis gestrichen, das sehr schön seine Holzmaserung wieder hervorgebracht hat.

Nachdem der Geruch des Leinölfirnis abgezogen war, besorgte unser erwachsener Sohn drei ebenso erwachsene Helfer. Zu fünft haben wir diesen wirklich schweren Spind von außen über den Balkon in den ersten Stock unseres Hauses verbracht. Vom Gewicht ist er nicht mit modernen Schränken zu vergleichen. Dafür ist er aber auch für die Ewigkeit gebaut. Jetzt hat er einen festen Platz in unserem (meinem) Bastelzimmer, das mir nach dem Auszug unserer Tochter als Beute in die Hände gefallen ist.

So wurde er nach 70 Jahren wieder seiner alte Bestimmung zugeführt.