herbst über Moor und heide

 

Wenn das Laub fällt und die Luft klar und still ist, zieht´s mich immer auf meine Siebenfuffziger. Sie führt mich dann durch Straßen ohne Ortschaften, ohne Ampeln und Gegenverkehr. Für diese Routenführung, an dessen Komposition ich mir gänzlich unbeteiligt vorkomme, belohne ich die alte Dame mit einer zahmen Gashand und einer Drehzahl ständig unter 3000 Touren. Die Strich Sechs hat schon 250.000 km und 37 auf dem Buckel, sie war früher mal grün-weiß. Geschwindigkeitssünder jagt sie schon lange nicht mehr. Wie auch, so chancenlos, wie sie ist. Heute liegt Ihre Stärke im sonoren Bullern und gemütlichen Kilometerfressen. Und in Ihr schlägt immer noch ihr erstes Stahlherz.
Direkt an unser Asendorf grenzt das Naturschutzgebiet Lüneburger Heide. Im Herbst, wenn die Heide die letzten Touristen wieder ausgespuckt und nach Hause geschickt hat, wird aus dem Naturschutzgebiet einfach nur noch "Gegend". Und Gegend gibt´s hier ziemlich viel.

 

Die Häuser wirken verlassen, die Straßen leer. Kein Honig-Straßenverkauf mehr, kein Kunsthandwerk, kein Bauernladen, keine Pferdekutschen.

 

Ein Herbst gleicht dem anderen, heute wie vor hundert Jahren. Dieser große alte Hof steht seit Jahren leer. Er ist noch nicht einmal baufällig und billig zu bekommen. Was würde ich dafür geben? So wie früher Mensch und Kühe unter einem Dach lebten, könnte ich heute meine Gummikühe bei mir haben. Schrauben und Basteln ohne Platznot.

 

Das Fahren macht mir Spaß. Niemand hetzt mich, keiner ruft mich an, Termine sind bedeutungslos. Niemand erwartet etwas von mir. Ich muss nichts leisten.

Das Leben ist kuhl!

 

Über allen Gipfeln ist Ruh. Ich baue meine Strich Sechs auf der Dorfstraße auf. Niemand sieht mich, niemand ahnt etwas von mir. Ich suche nach der geeigneten Kameraposition. Nichts passiert. Ich muss nicht zur Seite gehen, keinem Auto ausweichen. Das Auslösen der Kamera knallt wie das Brechen eines Schusses durch den leeren Ort.

 

Schüsse an diesem friedlichen Ort?

Doch! Das ist noch gar nicht so lange her. Sechzehnjährige habe hier versucht, mit Karabinern und Panzerfäusten britische Regimenter aufzuhalten. Für ihren Idealismus haben sie bezahlt und sind oft an der Stelle verscharrt worden, wo sie starben.

 

Doch auch die Angreifer, die überrascht waren von den verbissenen Aushalten der teilweise blutjungen Soldatenr, mussten ihren Blutzoll entrichten. Ihre letzen Ruhestätten wurden zusammen gefasst zu großen war cemetries.


You guys can be sure, that we keep an eye on you!

 

Allein ziehe ich weiter. Die Siebenfuffziger bringt mich in immer abgelegenere Gegenden. Die Sonne verschwindet hinter einem Dunstschleier. Es wird langsam nebelig.

 

Ist das noch die Heide? Die Landschaft versteppt immer mehr. Kommt mir vor, als zöge mich die Siebenfuffziger durch die sibirische Taiga. Tatsächlich ist es aber nur das Königsmoor. Es wurde erst ab 1902 erschlossen. Kriegsgefangene haben im ersten Weltkrieg die Sümpfe durch Drainage-Gräben trocken gelegt. Auch heute wohnt hier kaum ein Mensch. Ich komme durch einen Ort, der Dreihausen heißt. Und ich weiß auch, warum.

 

Aus Dreihausen führt nur noch ein Feldweg heraus. Wohin führt er mich?

 

Ich komme an ein altes Haus. Es liegt direkt an einem kleinen Fluss. Das Haus ist verlassen, steht seit Jahrzehnten leer. Ein breiter Riss klafft durch das gesamte Mauerwerk, vom Dach bis zum Fundament. Dicke Efeu-Ranken haben das Mauerwerk fest umklammert, es kann nicht auseinanderfallen. Das Haus fasziniert mich, gleichzeitig jagt mir dieser morbide Ort Angstschauer über den Rücken. Was ist da oben am Fenster? Eine alte Frau in einem Schaukelstuhl, die blutleer und bleich hinter der Gardine auf den Eindringling sieht?

 

Welches Haus mag Edgar Allan Poe vor Augen gehabt haben, als er Der Untergang des Hauses Usher geschrieben hat? Es kann nur dieses Haus gewesen sein.

Mein Nervenkostüm hat für drei schnelle Fotos gereicht, aus der Hüfte geschossen. Dann habe ich meine Siebensachen gepackt, den Boxer angetreten und das Weite gesucht.


Schön war der Ausflug, schön aber auch, als ich unter der untergehenden Sonne bekanntes Gelände wiedererkannte.