Dnepr k750

Dies ist das Restaurierungstagebuch meiner "Molotov", einer 50 Jahre alten sowjetischen Dnepr K-750. Es folgen auf den folgenden Seiten ca. 350 Fotos von der Restaurierung bis zur Wiederinbetriebnahme.

 

Nach 25-jährigen Motorradabstinenz bin ich mit einer 1981er BMW R65 wieder eingestiegen. Der Verkäufer der BMW lebte in einer ehemaligen Fabrik. In seiner Werkstatt standen neben dem Verkaufsobjekt eine ganze Reihe weiterer Motorräder mit Boxer-Motor, die ich nicht kannte und so auch noch nie gesehen hatte. Die alten BMWs sind alles andere als filigran, aber die dort rumstehenden Motorräder empfand ich wie aus einer anderen Zeit. Grobstollige Reifen, grobe Schutzbleche, klobige Instrumente, zerklüftete Aluminiumoberflächen, wulstige Schweißnähte, rostige Schrauben, brüchige Kabel, zerfledderte Gummisättel und bauchige Tanks. Überall lagen Ersatz- und Schlachtteile herum. Ausgeweidete Getriebe, gebrochene Speichenräder, kohleverkrustete Kolben, verölte Zylinderköpfe und haufenweise Lichtmaschinen, Regler, Lenkererarmaturen, Tropfentanks, Sättel, und, und und. Nirgendwo konnte ich ein Tankemblem erkennen, das auf eine Fahrzeugmarke hinwies.

"Was ist das hier alles?" fragte ich den Verkäufer und sah auf meine 35 Jahre alte BMW, die mir plötzlich hochmodern vorkam. "Russenboxer" sagte er. "Ural und Dnepr. Schrott vom Fließband. Aber geil!"

 

Ich kaufte die BMW R65, war aber ab dem Zeitpunkt schon vom Russenvirus infiziert.

Ich steckte zu dem Zeitpunkt in der Lebensphase, in der man mit sich einig ist, dass es auf die zweite Lebenshälfte ankommt!

Technisch war ich eher motoviert als begabt. Ich habe einen pädagigisch/kaufmännischen Beruf, bin also kein Handwerker. Wenn bei meinen Autos ein Bremslicht kaputt ging, fuhr ich in die Werkstatt. Insofern kaufte ich die alte BMW eher als Schrauberobjekt denn als Fahrzeug. Das Problem: die BMW ging trotz ihrer 32 Jahre und 128.000 km auf der Uhr nicht kaputt. War also nichts mit schrauben.

So habe ich denn abends im Bett das iPad genommen und nach Russenboxern gefahndet. Ich war schnell sicher, dass mich ein Gespann nicht interessieren würde, sondern eher eine Solomaschine.

Hin- und wieder habe ich auf Restaurierungsobjekte mitgeboten. Und dann erhielt ich den Zuschlag. Für 652,-EUR!

Die folgenden drei Bilder sind die Originalbilder aus der Ebay-Auktion. In der Artikelbeschreibung stand: "Zustand siehe Bilder. Rücklicht defekt." Ok, dachte ich mir, wenn der Verkäufer die Größe hat, auf ein defektes Rücklicht hinzuweisen, muss der Rest wohl in Ordnung sein. Mit ein bisschen Spülmittel, Wasser und Politur sollte die Maschine doch wohl bald wieder glänzen wie ein Eimer Fahrradlenker.

Über eine Spedition habe ich den Russendämpfer anliefern lassen. Beim Herunterlassen der Heckklappe hat mich der Fahrer mitleidig angesehen. Meine Frau hatte auch zufällig etwas an unserer Grundstückauffahrt zu tun. Eigentlich nur ein Vorwand, um dem Spektakel beiwohnen zu können.

 

Nach dem Entzurren kippte der Spediteur einen Haufen Kernschrott auf platten Reifen auf unsere Auffahrt.

Meine Frau sah kurz von ihrem Blumenbeet auf, blickte erst zu der Fracht, dann zu mir, sagte: "merk´s selbst, näh!" und widmete sich wieder ihren Pflanzen.

Zunächst hatte mich einigermaßen der Schlag getroffen. Obwohl die ebay-Bilder ja ganz gut waren, sah das Eisenmonster in Natura wirklich verheerend aus. Es stimmt, das Rücklicht funktionierte nicht. Wie auch alles andere an dem Ding.

 

Soweit zur Vorerzählung, wie es zum Kauf der Dnepr kam. Aber jetzt schreibe in Gegenwartsform weiter. Der Grund:  ich verarbeite hier den Text meine Restaurierungstagebuch. Das bedeutet auch, dass ich die Restaurierung nicht aus der heutigen Sicht schreibe. Konkret: zum Zeitpunkt des Schreibens des Textes wusste ich nicht, wie das ganze Projekt ausgeht, ich wusste nichts von Fortschritten und Rückschlägen, nichts von der Qualität neuer russischer bzw. ukrainischer Ersatzteile und nicht, ob ich das Projekt tatsächlich zu Ende bringe.

Heute muss ich selbst noch manchmal über meine Gedanken und Worte und meinen Enthusiasmus. schmunzeln, da ich heute vieles anders sehe. Man lernt halt durch Schmerzen.

Zu dem damaligen Zeitpunkt war ich ein reiner Autodidakt. Ich habe jede Menge Handbücher gelesen und teilweise mit der Reparaturanleitung in der linken und dem Schraubenschlüssel in der rechten Hand vor dem Werkstück gesessen. Und herumexperimentiert. Viele Erfolge habe ich über Versuch und Irrtum erzielt.

 

 

Gehen wir nun zurück zu dem Tag der Anlieferung meiner Molotov:

 

Trotz des Verfalls hat das Ding einen magischen Reiz. Sie ist von den Ausmaßen her riesig. Man kann sie mit dem Fuß oder der Hand schalten (am Getriebe ist der Handschalthebel erkennbar). Außer den Reifen ist alles aus Metall. Ich kann (muss) sie mir schön vorstellen, wenn sie restauriert ist. Die Technik ist extrem simpel. Man kann eigentlich alles zerlegen und zusammensetzen, ohne dass man eine Reparaturanleitung benötigt. Der "Kabelbaum" besteht aus drei Strippen. Der Motor hat nicht einmal eine Steuerkette. Die Nockenwelle, Kurbelwelle und Lichtmaschine sind direkt mit Zahnrädern miteinander verbunden.

 

Die Ersatzteile sind spottbillig. Für den kompletten Ersatzhauptständer,  der originale war bei der Anlieferung der K750 gebrochen, habe ich 10,-EUR bezahlt. Ein kompletter Soziussitz mit Haltering kostet neu 39,-EUR. Die gesamte Fishtail-Auspuffanlage inkl. Krümmer und Interferenzrohr gibt´s für 112,-EUR. Ein Reifen kostet 29,-EUR, eine neues komplettes Speichenrad (egal ob für vorn oder hinten) kostet 118,- EUR.

 

 

 

Ich werde mir richtig viel Zeit lassen und alles Stück für Stück überholen. Ich will alles selbst machen und nichts an Fremdfirmen vergeben. Das Ziel ist nicht das fertig restaurierte Motorrad, sondern der Spaß am Schrauben und der Weg zum Ziel.

 

 

25. Februar

 

 

 

 

ich habe nun angefangen, die Dnepr zu zerlegen. Es ist alles wirklich extrem primitiv aufgebaut. Ein Fahrrad zu reparieren ist schwieriger. An der Demontage der Sättel und des Tanks habe ich wirklich Spass gehabt. Dank des WD-40 ließen sich alle Schrauben gut lösen. Die russischen Schrauben sind wirklich lustig. Unsere Schlüsselweiten sind alle ungefähr passend. Sie sehen alle rostig rot aus, lassen sich aber ganz leicht wieder blank polieren. Liegt bestimmt an dem hohen Schrottanteil des russischen Stahls.
Keine deutsche Mutter passt auf ein russisches Gewinde
. Die meisten gleichgroßen Russen-Muttern sind auch nicht untereinander austauschbar. Häufig ist auf einer Maschinenschraube mit der Schlüsselweite 16 (gibt´s das überhaupt bei uns?) eine Mutter der Schlüsselweite 14. Die spinnen, die Russen.

Die Schieber in den Vergasern waren völlig festgegammelt. Die Messingschwimmer hatten weiße Ausblühungen. Sah aus wie Salpeter. Habe ich mit ganz feinem Schmirgelpapier und Politur wieder hinbekommen. Dann habe ich die Vergaser von außen mit der Bohrmaschine und Messingbürste wieder auf Hochglanz gebracht. Die sind jetzt wieder schön und leichtgängig.

Am Motorrad fiel auf, dass die Russen alles mit Bordmitteln repariert haben, vermutlich aus Mangel an Ersatzteilen. So war der gesamte Luftansaugtrakt zwischen Vergaser und Luftfilter mit Klebeband umwickelt. Das war haltbar und hat verhindert, dass Nebenluft angesogen wurden. Die Kunststoffmuffen habe ich für schmales Geld erneuert.
Über die Farbe habe ich mir lange Gedanken gemacht. Eine professionelle Lackierung (Farbe schwarz natürlich) würde zu diesem groben Motorrad überhaupt nicht passen. Da gibt es nirgendwo eine wirklich glatte Stelle. Ich werde die alte Farbe und den Rost (es ist Gott sei Dank nur Oberflächenrost vorhanden) gründlich abschleifen und -bürsten. Dann werde ich die Teile mit der Rolle grundieren. Den schwarzen Lack werde ich auch mit der Rolle auftragen. Und ich werde nicht glänzend sondern seidenmatt nehmen. Das ist viel realistischer bei der alten Russenzwiebel.

Was ich aber jetzt schon sagen kann, ist, dass mir Stalins Rache richtig Spaß macht. Ich setze mich abends oder am Wochenende immer wieder mal zwei, drei Stunden hin und bastel ein bißchen. Mein Sohn Jörn fragt mich immer: "Papa, wolln wir beide wieder ´n bißchen am Russen schrauben?" Er liebt das, ist ´n richtiges Ritual für ihn (und für mich auch).


Wenn es morgen nicht zu kalt ist, werde ich die Zylinder herunternehmen. Ich bin mir sicher, ich werde dann wieder Grund zum Schreiben haben.....

 

 

27. Februar

 

Kalt war´s schon, ich habe aber trotzdem weitergemacht. Jedoch noch nicht an den Zylindern. Zunächst habe ich die Unterseite der Sättel sowie die dazu gehörigen Schrauben und Muttern wieder mit der Messingbürste auf Hochglanz gebracht. Außerdem habe ich das seitliche Spiel des Hauptständers mit 6 (sechs!) fetten Unterlegscheiben beseitigt. Außerdem habe ich zwei neue Ständerfedern eingebaut. Die Zylinder möchte ich gern in meinem Werkstattschuppen herunter nehmen. Da steht allerdings meine 75/6 drinnen und wartet darauf, dass ich ihr die Gabel wieder anbaue. Lenkkopflager liegen bereit, die vorderen Faltenbälge (53,-EUR ) habe ich schon da liegen. Dann kommt noch diese Woche die elektronische Zündanlage. Wenn ich das fertig habe, kann ich bei der Russenzwiebel die Leichenöffnung vornehmen .

 

01. März

 

 

Die Ersatzteilsituation bei meinem Eisenmonster hat sich schlagartig entspannt. Ich habe eben gerade am Telefon zwei komplette Russenboxer und vielen Ersatzteile für zusammen 350,-EUR gekauft. Jemand hat eine angefangene Restauration abgebrochen und will alles loswerden. Bei den Molotovs sind insgesamt 2 Motoren, 2 Getriebe mit Rückwärtsgang und 5 Räder dabei. Sogar ein frisch lackierter K750-Tank ist dabei. Die Sättel sind noch die schönen alten mit Feder, nicht wie bei meiner mit Gummipuffer. Ich werde mir das Beste daraus aussuchen, ein Moped daraus zusammen bauen und den Rest wieder bei ebay verkaufen. Mit ein bißchen Glück, werde ich aus der ganzen Aktion finanziell mit einem blauen Auge davon kommen und darüber hinaus eine schöne K750 besitzen.
Das Ganze funktioniert allerdings nur, wenn auch meine Frau dieser Begründung folgt. Wenn nicht, wird sie mich kompostieren!

 

4. März

 


ich komme gerade aus Sachsen-Anhalt wieder. Im Anhänger die Reste eines vor Berlin aufgeriebenen Garde-Kradschützenregiments.

Wenn man am Telefon etwas kauft, ohne es gesehen zu haben, kann man böse überrascht werden. Ich hatte aber diesmal echt Glück .

Für die 350,-EUR habe ich eine vollständige K750 und eine weitere vollständig zerlegte K750 erhalten. Die Qualität der Teile ist von "richtig gut" bis "Altmetall". Im Einzelnen habe ich neben der vollständigen Molotov noch zwei vollständige und eine zerlegtes Getriebe, mehrere Hinterradantriebe, Lampe, Tachos, Lichtmaschinen, Kardanwellen, Federungen, Regler, Vergaser und Zündspulen erhalten. Es sind drei nagelneue Kolben und ca. 20 nagelneue Kolbenringe dabei. Zusätzlich sind zwei wunderschöne, federnd gelagerte Fahrer- und Soziasättel dabei. Die fünf Felgen sind in einem viel besseren Zustand als meine jetzigen, und vier Reifen sind nagelneu. Einen zweiten, leider zerlegten Ersatzmotor habe ich auch mitbekommen. Zusätzlich sind noch jede Menge Kleinteile dabei, Einiges kann ich gar nicht zuordnen. Eine wahre Fundgrube. .
Ich werde morgen anfangen, die zweite Molotov zu zerlegen und die Teile zu reinigen und einzulagern.

 

5. März

 

Der neuen alten Molotov bin ich auch schon ordentlich an die Wäsche gegangen. Hier ein paar Bilder von der Hausschlachtung, bei der mich meine Frau unterstützt. Die vielen Einzelteile in den Kisten muss ich noch sortieren.

 

26. April

 

Lange war es still an der Ostfront, was aber nicht heißt, dass auf operativer Ebene nicht viel geschehen ist.

 

Ich habe meine zwei Schlachtmaschinen völlig zerlegt, die guten Teile sauber archiviert und eingelagert und dann Sperrmüll angemeldet (die kommen bei uns in Niedersachsen nicht von selbst). Am Abend vorher habe ich ca 300 kg Eisen-, Stahl- und Aluschrott an die Straße geschleppt.

Als am nächsten Morgen der Sperrmüll-Tonner in unsere Straße kam, sind bei uns nicht mal mehr DNS-Proben zu entnehmen gewesen. Der Schrott ging vorher schon weg wie warme Semmeln.

 

Ich habe mich zunächst nur um die Vergaser gekümmert. Die original K302 Vergaser wollte ich nicht ersetzen, obwohl viele mir rieten, sie gegen neue Russen- oder Chinesen-Vergaser auszutauschen. Der Grund: es gibt keine Ersatzteile mehr für den 302. Allerdings ist der 302 qualitativ viel besser als der neue Russenschrott. Außerdem habe ich "originale" Nachbauten der Schwimmerkammerdeckel der deutschen Graetzin-Vergaser, die die Sowjets kopiert haben:

 

 

Dank der Schlachtaktion besitze ich insgesamt 8 Vergaser dieses Typs, von denen hier nur 6 abgebildet sind, da ich zwei in meiner Werkstatt verbaselt habe.

 

Ein Paar davon habe ich für 14,-EUR in der Bucht ersteigert. Die Teile sind wirklich billig!

 

Aus den 8 Vergasern habe ich 4 richtig gute gemacht. Dafür habe ich 2 Familienpackungen Kukident (mein Sohn Jörn (6) zur AldiVerkäuferin: "Mein Papa sucht die Vergasertabletten, wo sind die?", 1 Becher Handwaschpaste und 1 Flasche Sidol verbraucht.

 

Da die Vergaser nach dem Kukidentbad zwar sauber, aber auch matt grau angelaufen waren, habe ich sie mit der Bohrmaschine (Messingbürste) wieder auf Hochglanz gebracht.

Der Verunreinigungsgrad der Russenvergaser war übrigens so groß, wie ich es nicht für möglich gehalten (und an meinen Kühe nicht mal ansatzweise bemerkt) habe. Die Gasfabriken waren von innen pechschwarz, im Schiebergehäuse saß eine feste schwarze Kruste, die sich mit Kraftstoff oder Bremsenreiniger überhaupt nicht lösen ließt. Ich habe den Belag mit dem Schraubenzieher (!) losgekratzt, der sich darauf hin in ein schwarzes, feines Mehl verwandelt hat.

Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Ultraschallreinigung ist was für Snobs! Kukident ist geil.

Die Russenqualität ist immer wieder lustig. Hier abgebildet sind zwei "identische" 04er Leerlaufschrauben, die links und rechts in dasselbe Vergaserpaar eingeschraubt waren:

 

01. Mai

 

Olga steht im kurzen Hemd da.

Heute habe ich den Motor und das Getriebe ausgebaut.

Man beachte hier den mächtigen Kabelbaum! Er besteht aus genau vier Strippen. Drei davon gehen zur Lichtmaschine, eins zur Zündspule. Das kann man sich auch so merken.