Revision einer "Gold-leica"

So mancher Enthusiast liebäugelt mit einer alten Schraubleica und entdeckt dabei zwangsläufig die Leica-Surrogate von Zorki und Fed. Aus Gründen der Sparsamkeit aber ist die erste Schraubleica dann oft doch eine Russin. Leider wirkt sie wie Heroin, also Abhängigkeit nach dem ersten Schuss. Zumindest war´s bei mir so. Eine Zorki reicht. Kommt die zweite dazu, wird´s eine Sammlung. Klammern wir mal die hochpreisige Zorki 2 aus, so hat man die gesamte Sammlung von Zorki 1 bis 6 und Zorki 10 schnell vollständig, und das für nichtmal 200,-EUR. Parallel hortet der Zorkist Wissen an, lernt die einschlägigen Homepages auswendig, brennt sich die Bilder der noch fehlenden Stücke ins Gehirn (bei mir hat sich das Relief einer Zorki 3 auf die Netzhaut geätzt), unternimmt die ersten Schraubversuche, finden Geschmack an Russenlinsen, streicht en passant noch ein paar Zenits ein, und dann fällt man in ein Loch. "Man ist durch" mit Zorki.
Glücklicherweise gibt es noch Fed-Kameras. Fed 1 bis Fed 5 sind auch schnell beschafft. Zwangsläufig fällt einem das sensationelle Industar 61 L/D in die Hand. Du weißt: von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen!

Doch dann fällt man in das nächste Loch. Die Sammlung ist größer als geplant ausgefallen, und sie ist vollständig.

In lustigen Foren jenseits des Teichs stößt Du dann auf funny Americans, die sich die billigen Russen-Motorradgespanne zu originalen Wehrmachtskrädern umbauen, mit lafettiertem M34 oben drauf. Die Amis stehen auf jede Art von NS Devotionalien. Und so findest Du die güldenen Leica II mit Schlangenleder oder Furnierholzbelederung, mit eingraviertem "Wehrmachtseigentum", "SS-Bildberichterstatter", "Olympia 1936", "U-Boot-Waffe" oder anderen martialischen Gravuren. Einige dieser Goldleicas sind relativ einfach gemacht; so wird oft nur die obere Haube getauscht und mit der bekannten Leica-Gravur versehen. Auf dem Kameraboden steht das "auf" und "zu" noch in kyrillisch, ebenso fehlt das z für "zurück" auf der Gehäuseoberseite. Der trichterförmige Auslöser entlarvt sofort die Zorki. Es gibt aber auch sehr gute Leica-Fälschungen, die bis ins kleinste Detail die Leica II nachahmen und ganz ohne den Nazischrott auskommen. Sie können auch sehr alt sein und aus den 50er Jahren stammen. Solche Goldleicas sind für den Sammler durchaus interessant, denn sie sind auf Ihre Art Originale.

Gute, hochglänzende Exemplare kosten gut und gern 150,-EUR. Abgesehen vom hohen Kaufpreis besteht für mich kein Reiz darin, denn ich flitze gerne alte Sachen auf.

Kommen wir jetzt zu der Stelle, wo die Kuh das Wasser lässt.
Vor meinem Urlaub ist mir für sehr wenig Geld diese abgehalfterte Goldleica in die Hände gefallen:

Die Basis ist eine Fed 1 aus den Jahren 1949 bis 1953 (das erkennt man am Auslöseknopf, welcher der Leica II sehr ähnlich sieht).
Der Zustand war allerdings katastrophal. Das Messing total stumpf, teilweise mit stark aufgeblühtem Grünspan.

Zumindest die Beschriftungen waren deutsch, der Fälscher hat sich damals richtig Mühe gegeben.

Das Objektiv, ein Industar 22 3.5/50mm, hat die Leitz Elmar-Gravur des Vorbilds.

Nur der Zustand war so schlimm, dass ich mir nicht sicher war, ob sich die Russenzwiebel überhaupt noch retten lässt.


Das Objektiv saß so bombenfest im Gewindegang, dass man es nicht zur Fokussierung drehen konnte. Um´s Verrecken nicht. Ich habe mit Caramba Schockrostlöser gearbeitet, das ein sehr dünnflüssiges Kriechöl ist. Es friert die besprühten Werkstoffe blitzschnell ein. Durch die Kälte ziehen sich die Materialien zusammen und lösen sich voneinander. Nach ca. 15 Minuten war das Objektiv wieder drehbar.

Die Beschreibung der weiteren Zerlegeprozedur erspare ich mir, die Arbeiten kann man in dem Fred Revision einer Zorki 1c nachlesen.

Für das Ballistolbad nutze ich eine Glasschale, die nach Gebauch in den Geschirrspüler wandert und am nächsten Tag schon wieder Müsli oder Salat aufnimmt.

Angefangen habe ich mit einer ganz milden Politur: Zahnpasta. Damit ließ sich die Oberfläche ganz schnell wieder glänzend bekommen.

Die dunklen Flecken rechts auf der Gehäusehaube haben sich damit aber nicht wegpolieren lassen. Zunächst habe ich die Stellen für Korrosion gehalten, die die Messingschicht zerstört hat. Um das Herauszufinden habe ich mein stärkstes Geschütz aufbefahren: Ambassador EMR fein. Die Politur ist im freien Handel nicht zu kaufen, sofern man kein Gewerbetreibender ist. Ich habe sich von dem Fahrradladen bei uns im Dorf bekommen. Damit ließen sich die Flecken komplett entfernen. Die Messingschicht war noch intakt.

Die Griffflächen des Aufzugrades und des Rückspulknopfes lassen sich natürlich nicht polieren. Diese Teile habe ich kurz in eine Schüssel mit Linker Metallreiniger gelegt. Linker ist auch so´n Wunderzeug. Von der Reinigungswirkung das effektivste unterhalb des Glasperlstrahlens. Allerdings ist Linker wegen des hohen Phosphorsäureanteils auch sehr aggressiv. Ich habe mir das Zeug im 10 Linker Kanister gekauft. Es kommt bei mir in der Motorradschlosserei oft zum Einsatz. Man sollte es nicht im Garten verklappen, sagt meine Frau.

Was jetzt kommt, ist nur noch Fleißarbeit. Polieren, polieren, polieren. Mit dem Lappen, der Zahnbürste und dem Öhrli-Böhrli!

Der Rest ist schnell im schnell erzählt. In umgekehrter Reihenfolge wachsen die Teile wieder zusammen. Wenn nicht allzuviele Teile übrig bleiben, dann sieht das Objekt so aus:

Feddich! Das hat Spaß gebracht. Könnte mir vorstellen, dass es nicht meine letzte Goldleica war.

So eine Holzfurnierte mit "Luftwaffen-Eigentum" darauf vielleicht...