Hier habe ich von meiner kränklichen Contax II erzählt, deren zerissene Verschlussbänder ein nicht reparierbares Problem darstellt. Allerdings finde ich es zu schade, die Kamera so tot in der Vitrine stehen zu lassen. Warum also nicht einen Versuch wagen!?!

Auf dem Flohmarkt in der Hamburger Rinderschlachthalle ist mir heute ein kleines Konvolut sowjetischer Kameras in die Hände gefallen. Platz habeich eigentlich keinen mehr, und Bedarf auch nicht. Egal!

Eine ukrainische Kiev 4a mit verharzter Verschlussmechanik gehörte auch mit zu den Beutestücken.
Was also damit machen?

 

Vielleicht lässt sich ja die ganze Verschlusseinheit austauschen. Meine Skrupel, die Kiev zu zerlegen, habe ich im Keime erstickt, denn der Verschluss dieser Kamera läuft so träge, dass mir das vollständige Zerlegen nicht erpsart bleibt, um die verharzten Teile zu reinigen. Also habe ich den heutigen Regentag dazu genutzt, die große Transplantation anzugehen.

Diese Kiev 4a (Type 4) ist eine ganz späte, Baujahr 1977. Optisch entscheidet sie sich nur in drei Punkten von der Vorkriegs-Contax. Das Rückspulrad beheimatet jetzt auch eine ASA-Anzeige, der Hebel für den Selbstauslöser hat ein anderes Design und ein Anschluss für die Blitzsynchronisation ist dazugekommen. Ansonsten gleichen sich die beiden Diven wie ein Ei dem anderen. Warum auch nicht, schließlich handelt es sich bei der Kiev nicht um eine Kopie oder einen Contax-Nachbau, sondern um einen Weiterbau auf den alten Maschinen.

Das Zerlegen habe ich mit dem Anbehmen der vorderen Blechblende begonnen. An dieser Stelle hätte ich auch schon enden können, denn ich hätte hier auch das Contax-Blechschild an die Kiev dengeln können und der Fisch wäre gelutscht.

Eine der sieben Schrauben hat sich etwas versteckt. Sie liegt unter der Belederung.

Drei Schrauben, die von der Seite in das Rückspulrad gedreht sind, muss man ausschrauben, um das Rad abheben zu können.

Das gleiche macht man auf der anderen Seite. Der Deckel des Aufziehrades lässt sich jetzt entfernen. Drei weitere Schrauben sitzen im Aufziehrad.
Nach dem Entfernen kann man das Rad abziehen.

Danach lässt sich die Scheibe mit der Zeitenskala abziehen.

Nur drei Schrauben halten die obere Gehäuseabdeckung. Man wackelt sie leicht mit einem Schraubenzieher lose und zieht sie dann ab.

Danach lässt sich die Scheibe mit der Zeitenskala abziehen.

Nur drei Schrauben halten die obere Gehäuseabdeckung. Man wackelt sie leicht mit einem Schraubenzieher lose und zieht sie dann ab.

Drei weitere Schrauben und die nächste Deckhaube lässt sich entfernen. Spätestens jetzt rächt es sich, wenn man nicht jede einzelne Schraube mit Tesafilm auf ein Blatt Papier klebt und beschriftet. Aber wem sage ich das!

Jetzt schraube ich das Rad für die Entfernungskupplung ab.

Vier weitere Schrauben und der Objektivträger hat verspielt. Meine Sorge, dass bei der Zerlegung irgendwo eine kleine Feder ins Nimmerwiedersehen springt, bestätigt sich nicht. Bisher geht alles einfach.

Auf der Rückseite entferne ich vier Schrauben von der Abdeckung des Verschlusses. Es ist etwas figgeliensch, den Metallkäfig zu entfernen.

Wie man sieht, sind die Verschlusslamellen bei der Kiev in Ordnung. Sie sehen qualitativ auch nicht anders aus als die der Contax.

Jetzt hängt die gesamte Verschlusseinheit nur noch an einer Schraube an der Unterseite der Kamera.

Wie man sieht, sind die Verschlusslamellen bei der Kiev in Ordnung. Sie sehen qualitativ auch nicht anders aus als die der Contax.

Das war´s. Der Verschluss ist raus. Und ich pass´ mal wieder vor stolz durch keine Tür.


Ich lasse das kleine Wunderwerk der Technik nochmal ein wenig unter anderem Licht posieren.

Ja, Nee, mal im Ernst. Das ist schon ein faszinierendes Stück Ingenieurskunst. Eine Grande Complication; Lichtjahre von der simplen Leicatechnik entfernt. Aber deswegen besser? Nein. "Einfach und gut" ist einem "kompliziert und gut" immer vorzuziehen. Der einzige Vorteil ist die anwenderfreundliche Austauschbarkeit der gesamten Verschlusseinheit. Schneller lässt sich nur das Triebwerk aus dem Leopard 2 ziehen.

Den Verschluss werde ich demnächst bei 50 Grad im Ultraschallbad eine Stunde dünsten lassen.
So lange muss die Contax noch warten.


Während die Zerlegung der Kiev pathologischen Charakter hatte, habe ich mich mit eher kurativen Behandlungsmethode an die Contax gemacht. Das heißt, ich habe jede Schraube mit Tesafilm auf ein Blatt geklebt und ihre Einbaustelle beschrieben. Schwierig ist das überhaupt nicht, es ist nur eine Menge Arbeit. Fachwissen braucht man dazu auch nicht, das kann wirklich jeder. Schwieriger finde ich es hingegen, bei modernen Kameras (z.B. Contax RTS) zu durchblicken, wie das Gehäuse zusammengesetzt ist, denn Schrauben kann man nicht sehen. Hier ist das anders.

Geschafft, der komplette Verschluss ist draußen.


Ich habe Kiev-und Contax-Verschluss miteinander verglichen. Die Mechanik ist vollkommen identisch. Es gibt so gut wie keinen Unterschied, obwohl fast 40 Jahre zwischen den Produktionsjahren der beiden Kameras liegen. Die Digitalkamera, die auf so eine lange Produktionszeit kommt, möchte ich sehen. :)


Nur ihre Mutter kann sie auseinander halten.

Der Kiev-Verschluss ist sauber und wartet darauf, in die Contax verpflanzt zu werden.Ob er wohl passt?


Hunderprozentig exakt!. Und jedes Gewinde für die Schrauben, die den Verschluss im Gehäuse fixieren, ist genau an der richtigen Stelle. Jede Contax-Schraube passt auch in jedes Kiev-Gewinde.

Da ich Finger habe wie ein Bund Wurzeln, bereiten mir die kleinen Schrauben Schwierigkeiten. Da muss dann die beste Ehefrau von allen ran.

 


Der Rest ist schnell erzählt. Mit ein bisschen Spucke und spitzen Fingern ist die Kamera schnell wieder zusammen gebaut. Nichts ist Improvisiert. Für mich sehr ungewöhnlich: es sind keine Teile übrig geblieben. Die Contax funktioniert mit dem Kiev-Verschluss, als hätte sie nie ein anderes Herz gehabt.

Die deutsch-russische Hochzeit hat funktioniert.
Und hier darf die Braut mit dem zweiten Leben noch ein wenig posieren.


Sie bekommt bei mir einen Ehrenplatz.

Möge es der kleinen Kiev besser gehen im Kamerahimmel als hier auf Erden.